Von Marburg nach Leuenberg – zum 40. Jahrestag der Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie

24. června 2013

Im Oktober des Jahres 1529 trafen sich in Marburg Vertreter des deutschen (Luther) und des Schweizer (Zwingli) Flügels der europäischen Reformation zu einer Beratung über die gemeinsame Lehre und das gemeinsame Vorgehen. Das Treffen hatte Landgraf Philipp von Hessen initiiert. Es dauerte drei Tage und auf dem Programm standen fünfzehn strittige Fragen. In vierzehn von ihnen wurde eine Übereinkunft erzielt, über der fünfzehnten Frage gingen beide Seiten höflich ohne Einvernehmen auseinander. Es ging um das Verständnis des Abendmahls. Im weiteren Verlauf sind beide reformatorischen Strömungen in dieser Frage (und in einigen anderen) eigene Wege gegangen.

Im März des Jahres 1973 trafen sich im Schweizer Konferenzzentrum Leuenberg Vertreter der europäischen reformatorischen Kirchen, um eine Vereinbarung (Konkordie) zu unterzeichnen, die diese missliche Entwicklung beenden sollte. Initiator war diesmal kein Landgraf und auch kein Politiker, sondern das veränderte geistige Klima, das den Ruf nach Einheit der Kirchen unüberhörbar werden ließ. Die Marburger Beratung dauerte drei Tage, die Leuenberger Konkordie wurde in Beratungen auf verschiedenen Ebenen fast zwanzig Jahre lang vorbereitet.

Die Methode, die benutzt wurde, ist in die Geschichte der ökumenischen Bemühungen als „Leuenberger Modell“ eingegangen. Sie besteht darin, dass versucht wird, im wesentlichen Kern der Sache eine Einigung zu erzielen. Dieser ist laut der Konkordie das „Verständnis des Evangeliums“. Das ist ausreichend. Die anderen Unterschiede (in den „dienstbaren“ und „etwaigen“) Dingen können bestehen bleiben, ohne dass damit die volle Gemeinschaft der Kirchen gestört wird, die mit der Unterzeichnung der Konkordie am 16. März 1973 ausgerufen wurde. Gemeinschaft der Kirchen bedeutet das Aufgehen in einem neuen kirchlichen Gebilde. Das heißt, dass sich die beteiligten Kirchen gegenseitig vollständig anerkennen; diese Anerkennung bedeutet Gemeinschaft von Kanzel und Altar, aber auch Anerkennung des Rechts auf Unterschiedlichkeit in der konfessionellen Orientierung, der Kirchenordnung und weiteren Dingen. Heute gehören zur Gemeinschaft (der offizielle Titel lautet Gemeinschaft der evangelischen Kirchen in Europa) knapp hundert reformierte, lutherische, unierte und neuerdings auch methodistische Kirchen, die Brüderunität und die Tschechoslowakische Hussitische Kirche. Die Baptisten haben zwar ihre Zustimmung zur Konkordie nicht formell ausgesprochen, arbeiten jedoch eng zusammen.

Im Jahre 1973 wurde die Gemeinschaft zunächst nur ausgerufen. Die folgenden vierzig Jahre sind getragen vom Bemühen um ihre konkrete Realisierung auf viele verschiedene Arten. Es wurde vorgeschlagen, dass die beteiligten Kirchen zu einer gemeinsamen Synode zusammenkommen mögen. Bislang wurde dieser Vorschlag nicht verwirklicht. Mit einer Ausnahme: der Synode der „Leuenberger“ Kirchen in der Tschechischen Republik. Sie findet in zweijährigen Intervallen seit dem Jahr 2000 statt und es nehmen je vier Teilnehmer aus fünf Kirchen teil, aus der Brüderkirche, der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche, der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder, der Evangelisch-methodistischen Kirche und der Schlesischen Kirche A.B..

Das 40. Jubiläum der Unterzeichnung dieses bedeutenden Dokuments haben die Mitgliedskirchen der Leuenberger Gemeinschaft in der Tschechischen Republik mit einem Gottesdienst mit Abendmahl am Sonntag, den 16. Juni 2013 in der Roten Kirche in Brünn gefeiert. Die Predigt bei diesem Gottesdienst hielt der Bischof der Evangelischen Kirche A.B. In Österreich und Generalsekretär der Gemeinschaft der evangelischen Kirchen in Europa Dr. Michael Bünker. Am Gottesdienst beteiligten sich Vertreter der Mitgliedskirchen dieser Gemeinschaft, der Patriarch der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche Tomáš Butta, der Synodalsenior der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder Joel Ruml, der Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche Petr Procházka, Jan Cieslar für die Schlesische evangelische Kirche und weitere Gäste. Die feierliche Atmosphäre des Gottesdienstes, in dem auch eine Taufe stattfand, wurde durch die Beiträge eines ökumenischen Chor aus Brünn gekrönt.

Pavel Filipi/ DaZ