Menschen, die ihre Selbständigkeit verlieren, müssen oft ihr Zuhause verlassen und in ein entferntes Seniorenheim ziehen. In Nosislav scheint nun Hoffnung auf, dass sie beinahe Zuhause bleiben können. Am 21. April diesen Jahres wurde hier der Grundstein für ein Geschütztes Wohnhaus gelegt, ein gemeinsames Projekt der Nosislaver Gemeinde und des Brünner Diakoniezentrums. Unweit des Platzes, wo vor hundert Jahren ein evangelisches Waisenhaus stand, wächst ein Haus, in dem Senioren und Menschen mit körperlicher Behinderung (z.B. nach Schlaganfall) ein Zuhause finden sollen. Mit dem Nosislaver Pfarrer Ondřej Macek haben wir darüber geredet, wie die Idee entstand, warum sich eine Gemeinde diakonischer Arbeit widmen sollte und was für ihn Zuhause bedeutet.
Woher kam der Einfall, in Nosislav eine diakonische Einrichtung aufzubauen?
Einige Leute in unserer Gemeinde haben schon einige Zeit, bevor ich nach Nosislav kam, darüber geredet. Wohl von Anfang an haben wir an unsere älteren Schwestern und Brüder, unsere Nachbarn gedacht. Ich weiß, dass wir nicht allen helfen, doch wenn es uns gelingt, wenigstens einigen die Not zu mildern, in die sie dem Moment kommen, in dem sie auf Unterstützung angewiesen sind, beziehungsweise die Schwierigkeiten, in die ihre Kinder fallen, die zwischen Beruf und der Sorge für ihre Eltern wählen müssen, so wäre das prima.
Die Vorbereitungen selbst dauerten mehr als zwei Jahre. Während dieser Zeit kam in der Gemeinde eine Gruppe von Menschen zusammen, die gemeinsam überlegte, formulierte, Vorstellungen aufeinander abstimmte, verschiedene Fachleute einlud. Von Anfang an war der junge Architekt Petr Dobrovolný dabei, der sich auch in seiner Diplomarbeit mit dem Wohnen im Alter beschäftigt hat. Mit der Zeit luden wir den Leiter der Brünner Diakonie der EKBB, Jan Soběslav dazu. Und am Ende stand die Idee, auf dem Gelände hinter unserem Gemeindehaus (in Einklang mit aktuellen fachlichen Trends) ein kleines Haus mit geschützten Wohnungen für Senioren und Menschen über 40 mit gesundheitlichen Behinderungen (d.h. vor allem nach Autounfällen) zu bauen und damit zugleich einen Pflegedienst für diejenigen einzurichten, die noch zu Hause wohnen können, was natürlich das beste ist.
Wie ging es weiter?
Es begann ein Marathon von Projektvorbereitung über Absprachen mit den Nachbarn und das Beschaffen verschiedener Genehmigungen und vor allem von Fördermitteln, ohne die es wohl heute nicht geht. Wenn wir auch gerade dabei großes Glück hatten: das Regionale Operative Programm Südost hatte gerade eine Ausschreibung zur Unterstützung von Bauvorhaben solcher Art herausgegeben und wir waren bei der Antragstellung erfolgreich. Am 21. April diesen Jahres wurde der Grundstein gelegt. Wir haben 18 Millionen Kronen zugesagt bekommen, falls die Europäische Union nicht Bankrott geht. Drei Millionen müssen wir (d.h. das Brünner Diakoniezentrum, das den gesamten Bau organisiert) freilich selbst aufbringen. Das ist für uns eine unvorstellbare Summe. Doch wir bemühen uns. Und deshalb sind wir sehr dankbar für die diesjährige gesamtkirchliche Sammlung zum Pfingstfest. Danke!
Was sagt die Gemeinde dazu?
Im Ältestenrat haben wir uns gesagt, dass wir eine recht lebendige Gemeinde sind und deshalb aufhören sollten, nur um unsere eigenen Sorgen zu kreisen, uns nicht auf das Streichen von Regenrinnen und den üblichen Gemeindebetrieb konzentrieren, sondern unser Christentum noch irgendwie anders praktisch leben sollten. Die Gemeinde stand vor der Wahl, das Grundstück entweder brach liegen zu lassen oder es mit der Zeit als Bauland zu verkaufen, daran etwas Geld zu verdienen und dies allmählich zu „verfressen“, oder damit etwas anderes zu tun. Und sie hat sich für das geschützte Wohnen entschieden. Das hat in Nosislav Tradition. Unser Gemeindehaus (das Hus-Haus) war ursprünglich ein evangelisches Waisenhaus. Übrigens: wenn wir darüber klagen, dass Krisenzeit ist und uns bereitwillige Spender fehlen, so gilt es zu bedenken, dass das Waisenhaus in Nosislav mit beträchtlicher Unterstützung der Gemeinde während und nach dem 2. Weltkrieg betrieben wurde.
Ist die Gemeinde einig? War es nötig, die Menschen zu überzeugen?
Ich denke, im ganzen ja. Sie steht dahinter. Wir alle können uns wohl nicht recht vorstellen, wie das einmal funktionieren, was es bedeuten wird. Das kann auch ich nicht recht. Manchmal fragt jemand: Was werden wir davon haben? Ähnlich haben aber einst die Jünger Jesus gefragt: „Was bekommen wir dafür?“ (Mt 19,27). Jesu Antwort hat zwei Teile: Er verspricht den Jüngern eine Zukunft in seinem Reich (und das ist es uns doch wert, oder?) und dann bekennt er, dass es nicht einfach ist, auf seine Art zu leben, dass es oft nötig ist, irgendetwas aufzugeben, etwas zu opfern und sein zu lassen, doch damit gewinnt der Mensch auch oft etwas: neue Freunde, Dankbarkeit, Freude, ein Lächeln. Die ernsthafteste Einwand war, dass wir im „gewöhnlichen“ innergemeindlichen christlichen Dienst versagen und uns dennoch weiter vorwagen wollen. Darauf etwas zu entgegnen ist schwer, wenn es auch um ein etwas anderes Gebiet geht und uns die Diakonie bei dem hilft, was wir selbst nicht schaffen.
Das Projekt heißt: Wir bauen ein Zuhause. Was heißt für Dich Zuhause?
Ich bin viele Male umgezogen und mit der Vergangenheit verbinden mich nur ein paar Bilder und Bücher. Zuhause – das heißt für mich: Alžbeta, die Jungs und Jaelka, Privatleben, Geborgenheit, die Möglichkeit, in gewissem Maße „sein Leben nach eigenem Gutdünken zu gestalten“.
Im Zusammenhang mit der Ablösung der Kirche vom Staat erwarten Kirche und Gemeinden eine Zeit größerer finanzieller Unsicherheit. Ist es gut, sich jetzt auf ein relativ umfangreiches Projekt, wie das Eurer diakonischen Einrichtung, einzulassen?
Schwer zu sagen. Den Grundstein für das geschützte Wohnhaus haben wir einer Mauer entnommen, die von einem Gebetsaal der Toleranzzeit übriggeblieben ist, mit dessen Bau man im April 1783 begonnen hatte. Die damaligen Bauleute waren entschieden schlechter dran und mussten sich wesentlich mehr bewähren. Ohne Fördermittel und mit größerem Risiko. Allein das, was wir hinter uns haben, hat vielen Menschen eine Menge Geld, Kraft und Zeit gekostet, es war nötig verschiedensten Hindernisse zu überwinden, die auf die Stimmung drückten. Ich denke, dass es nur irgendwie zu schaffen ist, wenn Du sehr fest überzeugt bist, dass es Sinn macht, dass es gut ist. Im Moment sieht es so aus, als könnten wir wenigstens zum Teil fachlich qualifizierte Angestellte in den Reihen der Gemeinde finden, viele unserer Schwestern und Brüder denken an dieses Werk und sind bemüht, es finanziell zu unterstützen, wir organisieren zur Unterstützung verschiedene Veranstaltungen (Weihnachtsmarkt, Herausgabe einer biblischer Meditationen, Wein für die Diakonie usw.). Und vielleicht wird es in Nosislav irgendwann keine volle Pfarrstelle geben und es könnte für den Pfarrer möglich sein, innerhalb des Projekts Geschützten Wohnens eine Teilzeitanstellung zu finden, oder es könnte dort gleichzeitig ein Teil der Gemeindeveranstaltungen stattfinden (Bibelstunden, Seniorenbegegnung usw.) Die Sorge um Senioren wird immer nötiger, vielleicht zeigt sich im Laufe der Zeit, dass dieses Modell einer kleinen diakonischen Einrichtung in Anbindung an die Ortsgemeinde auch für andere Gemeinden tragfähig ist.
Möchtest Du einmal in Eurem Nosislaver Zuhause wohnen?
Ich will nicht lügen. Ich hoffe wohl wie jeder, dass es mich einmal, nicht zu früh und nicht zu spät, einfach „umhaut“. Doch das beeinflusst der Mensch nicht. Ideal ist es natürlich, von der Familie umgeben zu sein, doch im Zuge dessen, dass Menschen weit weg ziehen, länger arbeiten gehen, schwer Arbeit finden, sind manche Entscheidungen besonders schwierig. Für mich ist, wie gesagt, Würde sehr verbunden mit Privatleben und der Möglichkeit zu beeinflussen, was mit mir passiert. Wir haben uns bemüht, gerade dies in unserem Projekt zu unterstreichen. Ein relativ großes eigenes Zimmer und gleichzeitig Hilfe (auch beim Umgang mit der Einsamkeit). Selbstverständlich wird die Zeit zeigen, ob uns das gelingt. Nun, ich hoffe, dass sie mich mal irgendwann einziehen lassen...
Ich wünsche Eurem Projekt Geschütztes Wohnen den Schutz des Höchsten
Die Fragen stellte Lenka Ridzoňová.